Ästhetik & Noblesse

Der Allrounder aus vergangenen Jahrhunderten

Wer sich mit historischen Möbeln beschäftigt, begegnet ihm früher oder später: Schellack. Kaum ein anderer Werkstoff wird so eng mit glänzenden Mahagonimöbeln, fein furnierten Kommoden, alten Klavieren und der traditionellen Handpolitur verbunden. Eine gut ausgeführte Schellackpolitur besitzt eine Tiefe und Wärme, die mit modernen Lacken nur schwer nachzuahmen ist. Sie versiegelt das Holz nicht einfach unter einer gleichmäßigen Kunststoffschicht, sondern lässt Farbe, Maserung und Lichtwirkung miteinander spielen.

Schellack als Baukastensystem
Eine robuste Ausstattung an Schellack, Pigmenten und Naturharzen bildet die Grundlage für ein über Jahrhunderte gereiftes Lack-Baukastensystem.
Französische Politur
Die Französische Politur ist die Königsdisziplin unter den historischen Oberflächenveredelungen.
Benzoe beeinflusst Farbe, Geruch, Glanz und Verarbeitungsverhalten
Benzoe ist ein aromatisch riechendes Balsamharz, das aus verschiedenen Arten der Gattung Styrax gewonnen wird. Es findet sich in mehreren historischen Lack- und Politurrezepten, häufig gemeinsam mit Schellack und Sandarak.
Schellack als Baukastensystem
Eine robuste Ausstattung an Schellack, Pigmenten und Naturharzen bildet die Grundlage für ein über Jahrhunderte gereiftes Lack-Baukastensystem.

Schellack in der Werkstatt

Historischer Werkstoff, Restaurierungsmittel und Grundlage klassischer Oberflächen

Dabei ist Schellack keineswegs nur ein nostalgischer Werkstoff für Liebhaber alter Handwerkstechniken. Er wird bis heute in der Möbelrestaurierung, im Instrumentenbau und bei der Anfertigung historisch inspirierter Möbel verwendet. Seine vermeintlich einfache Verarbeitung täuscht allerdings darüber hinweg, dass ein fachgerechter Umgang viel Erfahrung verlangt. Vor allem bei antiken Möbeln darf Schellack nicht als universelles Mittel zum schnellen Auffrischen oder Glänzendmachen verstanden werden.

Ein Harz, das nicht von einem Baum stammt

Obwohl Schellack häufig gemeinsam mit den Naturharzen aufgezählt wird, handelt es sich nicht um ein Baumharz wie Mastix, Sandarak oder Kolophonium. Ausgangsstoff ist eine harzartige Absonderung verschiedener Lackschildlausarten, insbesondere der in Süd- und Südostasien vorkommenden Art Kerria lacca. Die Tiere leben auf bestimmten Wirtspflanzen und überziehen die Zweige mit einer schützenden Harzschicht.

Die mit Harz bedeckten Zweige werden geerntet. Das zunächst noch stark mit Holzstückchen, Farbstoffen und anderen Bestandteilen verunreinigte Material wird als Stocklack oder Sticklac bezeichnet. Nach dem Zerkleinern und Waschen entsteht Körnerlack beziehungsweise Seedlac. Durch weitere Reinigung, Erwärmung und Filtration wird das Material zu dünnen Platten oder Blättern ausgezogen, die nach dem Erkalten in die bekannten Schellackflocken zerbrechen.

Je nach Herkunft, Wirtspflanze, Erntezeit und Reinigung reicht die natürliche Farbe von hellem Gelb über Orange und Rotbraun bis zu einem tiefen Granatbraun. Im Handel finden sich deshalb Bezeichnungen wie Lemon, Orange, Rubin, Garnet, Blonde oder Platina. Zusätzlich wird zwischen wachshaltigem und entwachstem Schellack unterschieden. Der natürliche Wachsanteil beeinflusst Glanz, Härte, Transparenz und die Haftung nachfolgender Beschichtungen.

Schellack ist in Alkohol löslich. Nach dem Verdunsten des Lösungsmittels bleibt eine dünne, relativ harte und glänzende Schicht zurück. Anders als trocknende Öle härtet Schellack nicht hauptsächlich durch Oxidation aus. Eine neue alkoholische Schicht löst die darunterliegende Oberfläche leicht an und verbindet sich mit ihr. Diese Eigenschaft ermöglicht den schrittweisen Aufbau einer Politur, macht bestehende Schellackoberflächen aber gleichzeitig empfindlich gegenüber Alkohol.

Nicht verwechselt werden darf Schellack mit den traditionellen ostasiatischen Lacken, die etwa aus dem Saft des Lackbaumes gewonnen werden. Diese unter dem Begriff Urushi bekannten Beschichtungen besitzen eine andere chemische Zusammensetzung und härten auf völlig andere Weise aus.

Vom asiatischen Handelsprodukt zum europäischen Möbelüberzug

Lackharz und der daraus gewonnene rote Farbstoff waren in Asien lange bekannt, bevor Schellack in europäischen Werkstätten größere Bedeutung erlangte. Über die Handelswege zwischen Asien und Europa gelangten Stocklack, Farblack und schließlich gereinigter Schellack in den Westen. Zunächst war das Material unter anderem als Farbstoff, Bestandteil von Siegellack und Zutat verschiedener Lackrezepte interessant.

Untersuchungen historischer Rezeptbücher zeigen, dass Schellack bereits im 17. Jahrhundert in europäischen Rezepturen für Holzüberzüge auftauchte. Er war jedoch nur einer von zahlreichen verfügbaren Stoffen. Werkstätten arbeiteten außerdem mit Wachsen, trocknenden Ölen, Balsamen und Naturharzen wie Mastix, Sandarak, Kolophonium, Benzoe und verschiedenen Kopalen. Viele historische Lacke bestanden nicht aus einem einzigen Harz, sondern aus Mischungen mehrerer Bestandteile.

Es wäre deshalb falsch, jede glänzende Möbeloberfläche des 17. oder 18. Jahrhunderts automatisch als Schellackpolitur zu bezeichnen. Welche Materialien tatsächlich verwendet wurden, hing von Region, Werkstatt, Möbeltyp, gewünschter Farbe und den verfügbaren Rohstoffen ab. Auch die heute vertraute Ballenpolitur war noch nicht in jener Form ausgebildet, die im 19. Jahrhundert zum handwerklichen Standard wurde.

Naturwissenschaftliche Untersuchungen erhaltener Oberflächen zeigen, dass Schellack schon im 18. Jahrhundert auf hochwertigen Möbeln vorkommen konnte. Gleichzeitig verdeutlichen solche Analysen, wie kompliziert die Geschichte einer Möbeloberfläche sein kann. Häufig liegen mehrere Überzüge übereinander: ursprüngliche Werkstattschichten, spätere Auffrischungen, Reparaturen und vollständige Neulackierungen. Was wir heute sehen, muss daher nicht mit dem ursprünglichen Erscheinungsbild übereinstimmen.

Das 19. Jahrhundert und der Aufstieg der Schellackpolitur

Ihre große Zeit erlebte die Schellackoberfläche im 19. Jahrhundert. In dieser Epoche entwickelte sich die mit einem Polierballen ausgeführte Technik zu jener hoch verfeinerten Arbeitsweise, die heute als französische Politur, French Polish oder schlicht Schellackpolitur bezeichnet wird.

Dabei wird Schellack nicht in einer einzigen dicken Schicht aufgetragen. Stattdessen bringt der Polierer viele sehr dünne Lagen mit einem Ballen aus Stoff auf. Der innere Kern speichert die Politur, während ein feines Außentuch die Flüssigkeit gleichmäßig an die Oberfläche abgibt. Durch kreisende, geradlinige oder achtförmige Bewegungen werden die einzelnen Aufträge miteinander verbunden und zu einer immer geschlosseneren Fläche aufgebaut.

Bei offenporigen Hölzern kann feines Bimsmehl zum Füllen der Poren verwendet werden. Es verbindet sich mit Holzstaub und Politur zu einer weitgehend transparenten Füllung. Nach zahlreichen Arbeitsgängen entsteht eine geschlossene Oberfläche, deren Glanz nicht nur auf der Menge des aufgetragenen Materials beruht, sondern vor allem auf ihrer außerordentlichen Ebenheit.

Besonders gut eignete sich die Technik für dekorativ gemaserte Hölzer und Furniere. Mahagoni, Nussbaum, Palisander, Kirschbaum und verschiedene Obstgehölze erhalten durch Schellack eine intensive Tiefenwirkung. Licht dringt in die transparente Schicht ein, wird an der Holzoberfläche reflektiert und tritt wieder aus. Dadurch erscheint die Maserung bewegter und räumlicher.

Im Biedermeier, im Empire und während des Historismus wurden transparente, sorgfältig geglättete Oberflächen zu einem wichtigen Gestaltungsmittel. Klaviere, Schreibmöbel, Kommoden, Vertikos und repräsentative Saloneinrichtungen erhielten schellackhaltige Polituren oder Spirituslacke. Die konkrete Ausführung reichte vom zurückhaltenden Seidenglanz bis zur nahezu spiegelnden Hochglanzfläche.

Allerdings ist „French Polish“ zunächst die Bezeichnung einer Technik und nicht die eindeutige Bezeichnung eines bestimmten Materials. Historische Rezepte enthielten neben Schellack häufig weitere Harze. Manche Mischungen wurden mit dem Ballen verarbeitet, andere gestrichen. Nicht jeder schellackhaltige Spirituslack ist daher automatisch eine klassische Schellackpolitur.

Mit der Industrialisierung veränderte sich die Oberflächenbehandlung. Schellack ließ sich zwar ebenfalls streichen und später spritzen, doch die traditionelle Ballenpolitur blieb arbeitsintensiv und damit teuer. Seit den 1920er- und 1930er-Jahren wurde sie in der Serienfertigung zunehmend von Nitrocelluloselacken und später von weiteren Kunstharzlacken verdrängt. In handwerklichen Werkstätten, im Instrumentenbau und in der Restaurierung blieb die Technik jedoch erhalten.

Warum Schellackoberflächen so besonders wirken

Schellack bildet einen klaren, aber nicht vollkommen farblosen Film. Selbst helle Sorten verleihen dem Holz eine leichte Wärme. Orangefarbener oder granatfarbener Schellack kann Mahagoni, Nussbaum und Kirschbaum deutlich vertiefen, während sehr heller Schellack auf Ahorn, Esche oder hellen Intarsien weniger stark verfärbend wirkt.

Diese Eigenfarbe ist nicht grundsätzlich ein Nachteil. Bei historischen Möbeln gehört eine warme Tönung häufig zum gewünschten Erscheinungsbild. Problematisch wird sie erst, wenn ein zu dunkler Schellack die Kontraste einer Marketerie verschluckt oder ein ursprünglich helles Holz unpassend orange erscheinen lässt.

Auch der Glanzgrad ist keineswegs festgelegt. Schellack muss nicht immer spiegeln. Durch die Konzentration der Lösung, die Zahl der Aufträge, die Art des Polierens und eine abschließende Behandlung mit Wachs oder sehr feinen Schleif- und Poliermitteln lassen sich unterschiedliche Oberflächen erzeugen.

Eine überzeugende historische Oberfläche besitzt zudem häufig kleine Unterschiede. Flächen, Kanten, Profile und geschnitzte Bereiche reflektieren das Licht nicht vollkommen gleichmäßig. Eine maschinell erzeugte, überall identische Hochglanzschicht kann deshalb auf einem historisch gestalteten Möbel fremd wirken – selbst wenn Schellack als Material verwendet wurde.

Schellack als Lack-Baukastensystem

Wenn heute von einer Schellackpolitur gesprochen wird, entsteht leicht der Eindruck, es habe sich dabei stets um einen Lack aus nur zwei Bestandteilen gehandelt: Schellack und Alkohol. Historische Rezeptbücher zeigen jedoch ein wesentlich vielfältigeres Bild. Schellack war häufig die Grundlage eines Spirituslackes, konnte aber mit weiteren Naturharzen kombiniert werden. Benzoe, Sandarak, Mastix, Elemi und verschiedene als Kopal bezeichnete Harze dienten dazu, Härte, Elastizität, Glanz, Farbe und Verarbeitungsverhalten zu verändern.

Auch Anleitungen zur französischen Politur nennen nicht ausschließlich reinen Schellack. In manchen Rezepten finden sich kleinere Mengen Sandarak, Mastix, Benzoe oder anderer Harze. Richard Bitmead veröffentlichte beispielsweise eine Mischung aus zwölf Unzen orangefarbenem Schellack sowie je einer Unze Benzoe und Sandarak. Andere Autoren bevorzugten dagegen reinen Schellack und betrachteten Zusätze als unnötig oder sogar als Qualitätsminderung.

Schellack lässt sich daher als Grundbaustein eines historischen Lacksystems verstehen. Er sorgt für schnelle Trocknung, gute Haftung, Transparenz und die Möglichkeit, viele dünne Schichten miteinander zu verbinden. Die zugesetzten Harze wirken wie Stellschrauben:

  • Sandarak und geeignete Kopale können Härte und Brillanz erhöhen.
  • Elemi und Mastix können einen harten Lackfilm weicher und beweglicher machen.
  • Benzoe beeinflusst Farbe, Geruch, Glanz und Verarbeitungsverhalten.
  • Harzmischungen können die Lichtbrechung und damit die optische Tiefe verändern.
  • Weichere Zusätze können die Sprödigkeit harter Harze begrenzen.

Dabei gibt es keinen Zusatz, der ausschließlich Vorteile bringt. Was einen Lack härter macht, kann ihn zugleich spröder werden lassen. Was seine Elastizität verbessert, kann die Trocknung verlangsamen oder die Wärmeempfindlichkeit erhöhen. Ein Harz, das den Verlauf verbessert, kann die Oberfläche zugleich weicher und druckempfindlicher machen.

Genau darin liegt der Charakter des historischen Lack-Baukastens: Gesucht wurde nicht der in jeder Hinsicht „beste“ Lack, sondern eine Mischung, die zum Holz, zur gewünschten Wirkung, zur Verarbeitungstechnik und zur vorgesehenen Beanspruchung passte.

Benzoe – Wärme und eine weichere Lichtwirkung

Benzoe ist ein aromatisch riechendes Balsamharz, das aus verschiedenen Arten der Gattung Styrax gewonnen wird. Es findet sich in mehreren historischen Lack- und Politurrezepten, häufig gemeinsam mit Schellack und Sandarak.

In einer Schellackmischung kann Benzoe den etwas gläsernen Charakter eines reinen Schellackfilms mildern und die warme Lichtwirkung unterstützen. Besonders auf Mahagoni, Nussbaum, Kirschbaum oder rötlich gebeizten Hölzern kann dies zu einer schönen optischen Tiefe beitragen.

Benzoe sollte allerdings nicht pauschal als zuverlässiger Weichmacher bezeichnet werden. Untersuchungen reiner Harzfilme zeigen, dass auch Benzoe bei der Alterung spröde werden und Risse bilden kann. Seine Wirkung ist daher immer im Zusammenhang mit der gesamten Mischung zu beurteilen.

Zu große Mengen können die Trocknung verzögern, die Oberfläche weicher machen oder die Polierbarkeit beeinträchtigen. Für neue Probeflächen kann man zunächst mit ungefähr drei bis zehn Gewichtsteilen Benzoe auf 100 Teile Schellack arbeiten.

Sandarak – Härte und heller Glanz

Sandarak bildet klare, glänzende Spirituslackfilme und wurde bereits lange vor der großen Zeit der Schellackpolitur verwendet. Als Zusatz zu Schellack kann es die Oberfläche härter, trockener und brillanter erscheinen lassen.

Der Nachteil liegt in seiner geringen Elastizität. Ein hoher Sandarakanteil kann einen Lack spröde machen und langfristig Rissbildung oder Ablösung begünstigen. Dass reiner Sandarak zum Reißen neigt, war bereits historischen Handwerkern bekannt. In vielen Rezepten wurde er deshalb mit weicheren Harzen, Balsamen oder plastifizierenden Zusätzen kombiniert.

Als vorsichtiger Ausgangspunkt für neue Arbeiten eignen sich ungefähr fünf bis fünfzehn Gewichtsteile Sandarak auf 100 Teile Schellack. Höhere Anteile sind möglich, führen aber zunehmend weg von einer klassischen Schellackpolitur und hin zu einem eigenständigen Sandarak-Schellack-Spirituslack.

Bei historischen Rezepten und heutigen Rohstoffen ist außerdem Vorsicht geboten. Der Name Sandarak wurde nicht immer einheitlich verwendet, und Untersuchungen moderner Handelsproben zeigen, dass deren Zusammensetzung zum Teil von historischem Referenzmaterial abweichen kann.

Elemi – der eigentliche Weichmacher

Elemi ist ein sehr weiches, teilweise klebriges und von Natur aus ölreiches Harz. In kleinen Mengen kann es als Plastifizierer wirken. Es gibt einem harten Lackfilm Beweglichkeit, verbessert mitunter den Verlauf und reduziert die Neigung zur Versprödung.

Elemi ist daher kein typisches Hauptharz. Es wird eher als funktionaler Zusatz zu härteren Harzen wie Sandarak oder bestimmten Kopalen verwendet. Bereits ein bis drei Gewichtsteile auf 100 Teile Schellack können das Verhalten einer Mischung spürbar verändern.

Bei zu hoher Dosierung kann die Politur lange weich bleiben, schmieren, Druckstellen annehmen oder Staub binden. Elemi sollte daher besonders zurückhaltend dosiert und zunächst auf Probeflächen erprobt werden.

Mastix – Klarheit und sanftere Filmbildung

Mastix ist ein vergleichsweise weiches, helles Naturharz des Mastixstrauches Pistacia lentiscus. Es wurde sowohl für Gemäldefirnisse als auch als Bestandteil historischer Möbel- und Dekorationslacke verwendet.

In einer Schellack- oder Sandarakmischung kann Mastix die Härte etwas zurücknehmen und den Film geschmeidiger erscheinen lassen. Historische Quellen beschreiben ausdrücklich das Zusammenspiel von Sandarak und Mastix: Sandarak sorgt für Härte, während Mastix die Sprödigkeit des Sandaraks ausgleichen soll.

Mastix kann eine klare, angenehm glänzende Oberfläche ergeben, besitzt aber auch Nachteile. Mastixfilme können mit der Zeit vergilben, in feuchter Umgebung trüb werden und bei Alterung ihre Löslichkeit verändern. Für stark beanspruchte Flächen ist ein hoher Mastixanteil daher ungeeignet.

Als Zusatz zu Schellack kann zunächst mit ungefähr zwei bis acht Gewichtsteilen Mastix auf 100 Teile Schellack experimentiert werden. Die Mastixlösung sollte vor dem Mischen abgesetzt und sorgfältig filtriert werden.

Kopal – Härte mit erheblichen Vorbehalten

Der Begriff Kopal bezeichnet kein einzelnes, eindeutig definiertes Harz. Er umfasst unterschiedlich alte, unterschiedlich harte und botanisch verschiedene Harze aus mehreren Regionen. Manche Kopale sind relativ weich und teilweise alkohollöslich, andere sind hart, stark gealtert oder fossil und lösen sich in Ethanol praktisch nicht.

Harte Kopale wurden traditionell häufig unter starker Erwärmung aufgeschlossen und anschließend mit trocknenden Ölen zu widerstandsfähigen Öllacken verkocht. Solche Kopallacke sind etwas völlig anderes als ein kalt angesetzter Schellack-Spirituslack.

Für ein Schellack-Baukastensystem darf deshalb nicht irgendein als Kopal verkauftes Harz einfach in Alkohol gegeben werden. Geeignet ist nur ein nachweislich alkohollöslicher weicher Kopal oder eine fachgerecht vorbereitete Stammlösung. Ein kleiner Anteil kann Härte und Tiefenglanz erhöhen; ein ungeeigneter oder zu großer Anteil kann die Mischung dagegen trüb, spröde, dunkel oder praktisch unverarbeitbar machen.

Für erste Probemischungen sollte der Anteil eines geeigneten weichen Kopals auf ungefähr zwei bis fünf Gewichtsteile je 100 Teile Schellack begrenzt werden. Die Bezeichnung des Produktes allein reicht nicht aus – entscheidend sind die tatsächliche Herkunft und Löslichkeit.

Arbeiten mit Stammlösungen

In der Werkstatt ist es sinnvoll, die Harze nicht von Anfang an gemeinsam anzusetzen. Schellack, Benzoe, Sandarak, Mastix, Elemi und gegebenenfalls ein geeigneter Kopal werden jeweils getrennt gelöst. Die Ansätze können anschließend abstehen und werden sorgfältig filtriert.

Dieses Vorgehen hat mehrere Vorteile. Unlösliche Bestandteile lassen sich leichter erkennen, die Konzentration jeder Stammlösung bleibt kontrollierbar und eine misslungene Komponente verdirbt nicht den gesamten Ansatz. Außerdem können kleine Testmengen gemischt werden, ohne größere Mengen wertvoller Harze zu verbrauchen.

Die folgenden Mischungen sind keine verbindlichen historischen Rezepturen, sondern Ausgangspunkte für Werkstattversuche. Die Mengen beziehen sich auf das Trockengewicht der Harze, nicht auf das Volumen bereits angesetzter Lösungen.

Für Wärme und optische Tiefe:

100 Teile Schellack, etwa fünf Teile Benzoe und höchstens ein Teil Elemi.

Für einen härteren und brillanteren Film:

100 Teile Schellack, fünf bis zehn Teile Sandarak sowie drei bis fünf Teile Benzoe.

Für eine ausgewogene klassische Mischung:

100 Teile Schellack, etwa fünf Teile Sandarak, fünf Teile Benzoe und ein bis zwei Teile Elemi.

Für einen härteren Versuchslack:

100 Teile Schellack, fünf bis acht Teile Sandarak, höchstens zwei bis fünf Teile eines nachweislich alkohollöslichen weichen Kopals sowie eine kleine Menge Benzoe oder Elemi als Ausgleich.

Holzart, Schellacksorte, Alkoholqualität, Konzentration, Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Auftragsweise und Alter der Lösungen beeinflussen das Ergebnis erheblich. Bevor eine Mischung auf ein Möbel gelangt, sollte sie auf einem passend vorbereiteten Probestück beurteilt werden – nicht nur unmittelbar nach dem Auftrag, sondern auch nach mehreren Tagen oder Wochen.

Besonders wichtig sind dabei folgende Fragen:

Trocknet die Mischung vollständig durch? Bleibt sie unter Fingerdruck empfindlich? Lässt sie sich mit dem Ballen verarbeiten? Wird sie klar oder trüb? Wie verändert sie die Holzfarbe? Bilden sich nach einigen Tagen Risse, matte Stellen oder klebrige Bereiche?

Gerade dieses schrittweise Abstimmen macht den Reiz traditioneller Spirituslacke aus. Schellack ist nicht nur ein fertiges Oberflächenmittel, sondern die Basis eines Systems, mit dem sich Glanz, Härte, Elastizität und Farbtiefe erstaunlich fein gestalten lassen.

Schellack in der heutigen Möbelrestaurierung

In der Restaurierung wird Schellack vor allem dort eingesetzt, wo er technologisch und historisch zu einem Objekt passt. Das kann der Aufbau einer Fehlstelle, das Ergänzen einer beschädigten Politur oder in bestimmten Fällen die Rekonstruktion eines verlorenen Überzuges sein. Mit eingefärbtem Schellack lassen sich außerdem kleine Retuschen, Furnierergänzungen und ausgebesserte Stellen optisch an ihre Umgebung angleichen.

Der erste Schritt besteht jedoch niemals im sofortigen Auftrag einer neuen Politur. Zunächst muss festgestellt werden, welche Oberfläche vorhanden ist. Ein Möbel kann gewachst, geölt, mit einem Naturharzlack überzogen, schellackpoliert oder später mit Nitro-, Alkyd- beziehungsweise Kunstharzlack überarbeitet worden sein. Häufig liegen mehrere Schichten übereinander.

Eine alte Schellackoberfläche kann verschmutzt, matt, rissig oder stellenweise abgerieben sein und dennoch einen großen Anteil historischer Originalsubstanz enthalten. Wird sie vollständig abgeschliffen, geht nicht nur der Lackfilm verloren. Auch Beizen, Porenfüllungen, Patina, Gebrauchsspuren und feine Bearbeitungsspuren können unwiederbringlich entfernt werden.

Deshalb gilt: Erhalten, was erhalten werden kann. Eine vorsichtige Reinigung, eine lokale Festigung oder ein sehr zurückhaltendes Ergänzen geschädigter Bereiche ist häufig angemessener als eine komplette Neupolitur. Erst wenn eine Oberfläche weitgehend verloren, technisch nicht mehr haltbar oder nachweislich eine störende spätere Überarbeitung ist, kann ein umfassender Neuaufbau sinnvoll werden.

Auch die oft genannte Reversibilität von Schellack muss differenziert betrachtet werden. Frischer Schellack lässt sich grundsätzlich wieder mit Alkohol anlösen. Auf einem Möbel, dessen ursprüngliche Oberfläche ebenfalls alkohollöslich ist, kann genau das jedoch zum Problem werden. Das Lösungsmittel unterscheidet nicht zwischen einer neuen Ergänzung und einer alten Originalschicht.

Gealterte Schellackfilme können zudem spröde werden, sich chemisch verändern und anders auf Lösungsmittel reagieren als frisches Material. Bei der Behandlung historischer Oberflächen sind deshalb kleine Vorversuche an unauffälligen Stellen unverzichtbar.

In der musealen Konservierung werden je nach Aufgabenstellung auch moderne Kunstharze eingesetzt. Bestimmte Acryl- oder Kohlenwasserstoffharze können eine bessere Lichtbeständigkeit oder gezielter steuerbare Löslichkeit bieten. Schellack ist daher nicht automatisch das konservatorisch beste Material, nur weil ein Möbel alt ist. Entscheidend sind der vorhandene Bestand, das Restaurierungsziel und die spätere Nutzung.

Komplexe historische Harzmischungen sollten auf Originaloberflächen nur verwendet werden, wenn ihr Einsatz durch Befund, Materialuntersuchung und Restaurierungsziel begründet ist. Ein reizvolles historisches Rezept ist nicht automatisch eine geeignete Restaurierungsmischung.

Klassische Oberflächen auf neuen Möbeln

Bei neu angefertigten Möbeln oder bei der bewussten Imitation klassischer Stile bestehen andere Voraussetzungen. Hier muss keine historische Originalsubstanz geschützt werden. Schellack kann deshalb gezielt als gestalterisches Mittel eingesetzt werden.

Für ein Möbel im Stil des Biedermeier kann eine zurückhaltend warme Politur die ruhigen Furnierbilder und klaren Flächen betonen. Bei einer historistischen Kommode darf die Oberfläche kräftiger und tiefer wirken. Dunkler Schellack unterstützt Mahagoni-, Nussbaum- oder Palisandertöne, während helle Sorten für Ahorn, Birke, Esche und helle Intarsien geeigneter sind.

Hier eröffnet auch das Baukastensystem zusätzliche Möglichkeiten. Ein kleiner Sandarakanteil kann einer repräsentativen Fläche einen klareren Glanz verleihen. Benzoe kann die warme Wirkung dunkler Furniere unterstützen. Elemi oder Mastix können eine zu hart und gläsern wirkende Mischung etwas mildern. Entscheidend bleibt jedoch, die Zusätze nicht als starre Rezepte, sondern als fein dosierbare Werkzeuge zu verstehen.

Auch Farbstoffe und Pigmente können eingesetzt werden, sollten jedoch sehr zurückhaltend dosiert werden. Eine leicht getönte Politur kann neue Furnierergänzungen einbinden oder eine warme Alterungswirkung erzeugen. Zu viel Farbe im Überzug führt dagegen schnell zu einer trüben, leblosen Oberfläche.

In vielen Fällen ist es besser, die Holzfarbe zunächst mit einer passenden Beize oder einer lokalen Retusche einzustellen und den Schellack anschließend überwiegend transparent aufzubauen. Eine zu stark gefärbte Deckschicht verdeckt die natürliche Tiefe des Holzes und kann spätere Reparaturen erschweren.

Für eine glaubwürdige Stilimitation ist nicht der maximale Glanz entscheidend. Wichtiger ist das Zusammenspiel von Holzvorbereitung, Farbe, Porenbild, Schichtstärke und Lichtreflexion. Eine historisch wirkende Oberfläche darf Tiefe besitzen, sollte das Holz aber nicht unter einer dicken, glasartigen Schicht begraben.

Auch künstliche Alterung verlangt Zurückhaltung. Dunkel gefärbte Kanten, gleichmäßig verteilte Kratzer und absichtlich erzeugte Lackrisse wirken meist dekorativ statt authentisch. Glaubwürdiger sind geringe Glanzunterschiede, sanfte Farbvertiefungen und eine Oberfläche, die weiterhin erkennen lässt, wie das Möbel konstruiert und bearbeitet wurde.

Stärken und Grenzen

Schellack trocknet schnell, lässt sich in sehr dünnen Schichten aufbauen und kann außergewöhnlich brillant poliert werden. Kleine Schäden lassen sich häufig lokal bearbeiten, ohne die gesamte Fläche neu beschichten zu müssen. Das Material feuert Holz intensiv an und eignet sich hervorragend für feine Furnierarbeiten.

Seine Grenzen sollten jedoch nicht übersehen werden. Alkohol löst Schellack an. Länger einwirkendes Wasser kann matte oder weißliche Stellen verursachen. Hitze und heiße Gefäße können Abdrücke hinterlassen. Auf stark beanspruchten Tischplatten, Küchenarbeitsflächen oder feuchten Fensterbereichen ist eine reine Schellackpolitur daher nur eingeschränkt geeignet.

Harzzusätze können diese grundsätzlichen Schwächen verändern, aber nicht vollständig beseitigen. Ein wenig Sandarak oder Kopal macht aus einer Schellackpolitur keinen modernen Zweikomponentenlack. Gleichzeitig kann der Versuch, maximale Härte zu erreichen, einen zu spröden und schlecht reparierbaren Film erzeugen.

Schellacklösung sollte möglichst frisch angesetzt und gut verschlossen gelagert werden. Alte Lösungen können schlechter trocknen und klebrig bleiben. Wasser im Alkohol kann zu milchigen Trübungen führen. Das Lösungsmittel ist leicht entzündlich, weshalb offene Flammen, Funken und unzureichende Belüftung in der Werkstatt vermieden werden müssen.

Ein Werkstoff, der Erfahrung sichtbar macht

Schellack ist weder ein Wundermittel noch ein Relikt aus einer vergangenen Epoche. Er ist ein vielseitiger historischer Werkstoff, dessen besondere Qualität in seiner Transparenz, seiner Bearbeitbarkeit und seiner engen optischen Verbindung mit dem Holz liegt.

Seine Geschichte zeigt zugleich, dass traditionelle Oberflächenbehandlung selten aus einem einzigen Stoff bestand. Schellack konnte allein verwendet werden, war aber ebenso Teil eines fein abgestimmten Baukastens aus harten Harzen, weicheren Zusätzen, Balsamen und Farbstoffen. Dieses Wissen eröffnet der heutigen Werkstatt viele Möglichkeiten, verlangt aber auch ein sorgfältiges Arbeiten mit Proben und kleinen Mengen.

In der Restaurierung bedeutet das vor allem Respekt vor der vorhandenen Oberfläche. Nicht jedes alte Möbel braucht eine neue Hochglanzpolitur, und nicht jede matte Stelle ist ein Schaden, der beseitigt werden muss. Bei der Anfertigung historisch inspirierter Möbel eröffnet Schellack dagegen große gestalterische Möglichkeiten – von einer zarten, warmen Versiegelung bis zur tiefen, spiegelnden Ballenpolitur.

Eine gute Schellackoberfläche entsteht nicht durch möglichst viel Material. Sie entsteht durch viele kleine Entscheidungen: die richtige Sorte, eine passende Konzentration, sorgfältige Holzvorbereitung, dünne Aufträge, sinnvoll gewählte Zusätze und das rechtzeitige Aufhören.

Gerade darin liegt ihr besonderer Reiz. Eine Schellackoberfläche trägt die Handschrift des Menschen, der sie aufgebaut hat, und macht handwerkliche Erfahrung im Licht sichtbar.

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